[Beitrag],  [Kolumne]

(aktives) Vorlesen vs. (stilles) Lesen

Vor einiger Zeit habe ich mich bereits mit den Unterschieden zwischen dem (stillen) Lesen und dem Anhören von Hörbüchern beschäftigt und welche Probleme ich lange mit letzterem hatte. Den für das aktive Zuhören eines Hörbuches bedarf es oftmals einer größeren Konzentrationsfähigkeit, als beim eigenständigen Lesen. In diesem Beitrag möchte ich jedoch gerne von einem anderen Gegensatz und meiner Erfahrung damit berichten. Und zwar dem Vorlesen eines Buches und wie in diesem Fall die Wahrnehmung des Inhalts variieren kann. Ihr müsst wissen, dass mein Freund Leon und ich bereits vor einiger Zeit begonnen haben uns gegenseitig aus Büchern vorzulesen. Zunächst verlief das ganze eher als „Hörbuch“ für mich, das besonders in den Abendstunden stattfand. Denn bei einem entspannten Hörbuch kann ich mit am besten einschlafen (und brauche deshalb auch immer gefühlte Jahre für eins). Als es dann dazu kam, dass ich ebenfalls vorzulesen begann, häuften sich plötzlich Bücher, die mir kaum oder gar nicht gefielen. Aus diesem Grund habe ich begonnen darüber nachzudenken, ob meine schlechteren Bewertungen womöglich mit dem Vorlesen zusammenhängen.

Erste Erkenntnisse mit „Dunkel“

Es ist ja allgemein bekannt, dass wir beim „leisen“ Lesen für uns selbst deutlich schneller lesen können, als beim aktiven Vorlesen. Schließlich kommt es beim Vorlesen besonders auf die Aussprache und Betonung drauf an. Während beim „stillen“ Lesen beinahe über die Wörter hinweggeflogen werden kann. Besonders bei Thrillern kann dies ein Vorteil sein, da so die vorhandene Spannung noch intensiviert wird. Nun bin da also ich, die Leon aus einem Thriller vorliest und hierbei jedes Wort betont wahrnimmt und vorliest. In meinem ersten Beispiel „DUNKEL“ von Ragnar Jonasson bemerkte ich so recht schnell, wenn sich bestimmte Ansichten der Protagonistin und sich wiederholende Gedankengänge im Erzählfluss häuften. Von Seite zu Seite wuchs mein Unmut über die Protagonistin, weil sie mir plötzlich als schrecklich wehleidig und flach erschien. Bereits ab der Hälfte konnte ich all diese aktiven Wiederholungen nicht mehr abhaben.

Mein Freund hingegen, der als eher passiver Zuhörer – ähnlich wie bei Hörbüchern – gerne mal dem Fluch des „abdriftens“ anheimfiel, bemerkte derlei Züge lange nicht, sondern erfreute sich über die Gedächtnisstützen. Ab diesem Moment fragte ich mich also, ob ich als „rasende, leise“ Leserin diese Häufungen ebenfalls so extrem wahrgenommen hätte.
Möglicherweise hätte ich sie im Lesefluss viel schneller wieder verdrängt und überflogen, mich schlichtweg weniger daran gestört und somit die Geschichte besser genießen können?

Der vorausschauende Blick

Noch hielt ich aber natürlich doch alles für reinen Zufall. Das Buch war einfach ein Fehlgriff und hätte mir auch so wenig zugesagt. Beim nächsten Buch würde schon alles besser laufen. Doch auch bei wurde ich als Vorleserin sehr enttäuscht. Auch bei diesem Werk wechselten Leon und ich uns gegenseitig mit dem Vorlesen ab. Diesmal bemerkte zwar auch Leon, dass wieder erneut nicht das richtige Händchen bei der Auswahl hatten, doch darüber hinaus wurde mir eine weitere Beobachtung klar. In den Momenten, in denen ich den aktive Vorlese-Part inne hatte, reagierte ich deutlich genervter auf die Schwächen des Buches. Während ich beim passiven Zuhören kaum Zeit hatte mich über bestimmte Dinge zu ärgern, hatte Leon bereits weitergelesen und meine Gedanken konzentrierten sich bereits wieder auf neue Aspekte. Doch als Leserin überflog ich quasi bereits die aktuell zu lesende Seite beim Lesen, um sie unter anderem besser Vorlesen zu können (Betonung und so). Hierbei nahm ich merkwürdige beziehungsweise unpassende Szenen bereits im Vorfeld war und daher schon leicht genervt, bevor es überhaupt soweit war.
Gleichzeitig rissen mich derlei Gedanken deutlich häufiger aus dem Lesefluss, als es womöglich lediglich ein kurzes Stirnrunzeln beim stillen, viel schnellerem Lesen gewesen wäre.

Individuell bevorzugte Lesearten

Auch weiterhin werden Leon und ich uns gegenseitig Bücher vorlesen, demnächst hoffentlich mit mehr Erfolgt. Doch auch weiterhin bin ich sehr gespannt auf meine Erfahrungen, um weitere mögliche Unterschiede zwischen den beiden Lesearten herauszufinden. Bislang stelle ich jedoch fest, dass nicht jedes Buch oder jede/r LeserIn für alle Lesearten gemacht ist. In meinem Fall bedeutet das, dass ich lieber die Zuhörerin oder stille Leserin bin, während mein Freund am ehesten ein Buch in die Hand nimmt, wenn er mir daraus vorlesen darf. Beim Zuhören braucht er im Gegensatz zu mir eher Bücher, die sich hin und wieder Wiederholen. 

Wie ist das bei euch: habt ihr schon gravierende Unterschiede in eurem Leseverhalten festgestellt, wenn ihr auf andere Arten lest?

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