[Gastbeitrag],  [Rezension]

[Rezension] Erebos 2 – Update mit Schwächen

Titel: Erebos 2
Autorin: Ursula Poznanski
Verlag: Loewe
ET: 14. August 2019

Mit „Erebos 2“ lädt uns Ursula Poznanski knapp zehn Jahre nach Veröffentlichung des ersten Teils erneut dazu ein, die müden Augen von den Computerbildschirmen ab- und stattdessen auf ihre 512 Seiten lange Fortsetzung zu wenden. Erebos hat inzwischen dazu gelernt und wartet mit einer Vielzahl neuer Tricks und Techniken auf, um seine auserwählten Spieler langfristig an sich zu binden. Darüber hinaus gibt es auch auf erzählerischer Ebene eine Neuerung. So verfolgt man als Leser nun nicht mehr nur die Geschichte Nick Dunmores, des Protagonisten aus Teil eins, sondern auch die des 16-jährigen Schülers Derek. Poznanski gelingt damit fraglos erneut ein spannender Jugendthriller, aber leider kein fehlerfreies Update das an den ersten Teil heranreicht.

Erebos´ Dichotomie

Ein Problem des Thrillers ergibt sich nämlich gerade aus der Aufteilung der Erzählstränge, explizit geht es dabei um Dereks Handlung. Zunächst hat man als Leser im Vergleich zu Nicks Figur keinerlei Bindung zu Derek, und diese möchte auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht so recht entstehen. Das liegt zum einen daran, dass man als Kenner des ersten Teils bezüglich der perfiden Tricks des Spiels einen Wissensvorsprung vor Derek hat und man sich daher mit seiner Faszination von der Spielwelt nicht mehr allzu sehr identifizieren kann. An einigen Stellen, gerade am Anfang, wenn man selbst quasi „von neuem“ in die Welt eintaucht, mag das noch funktionieren, mit der Zeit wirkt aber alles was Derek erlebt bereits zu bekannt, wenn nicht sogar redundant. Poznasnki versucht hier, ähnlich wie im ersten Teil, über Derek das Spiel als faszinierenden Fluchtort vom Alltag, mit erschreckend großer Sogwirkung auf Spieler und Leser zu inszenieren, letztlich ist Dereks Storyline aber nicht mehr als ein Aufguss dessen, was man bereits aus Teil eins kennt und bietet, mit Ausnahme des letzten Drittels, wenig Überraschendes.

Anders verhält es sich da mit Nicks Erzählstrang. Hier entfalten Erebos´ Neuerungen ihr gesamtes erzählerisches Potenzial. Während man bei Derek Erebos weiterhin als Spiel wahrnimmt, erscheint es bei Nick geradezu als ein Virus, der sich nicht nur auf seinen Computer beschränkt, sondern sich auch in Nicks Alltag ausgebreitet hat. Poznanski schildert Nicks Befürchtung, unter ständiger Beobachtung zu stehen und die sich daraus ergebenden Limitierungen seiner Handlungsmöglichkeiten glaubhaft und nachvollziehbar. Der Gedanke, welche Konsequenzen das Spiel aus Nicks oder Dereks Aktionen zieht, ist stets präsent und verleiht der Erzählung einen dauerhaften Suspense-Faktor. 

Diese Dichotomie in Erebos, einerseits Spiel, andererseits Virus, einerseits belohnend, andererseits bestrafend, lässt, wie im ersten Teil, eine ungemeine Faszination von dem Programm ausgehen. Dieses System aus Zuckerbrot und Peitsche in Kombination mit den Textnachrichten, die das Spiel den Protagonisten schickt, verleihen Erebos nahezu eine eigene Persönlichkeit, die man Großteils fraglos verabscheut, aber teilweise fast schon sympathisch oder zumindest stets interessant findet. Poznanski stellt den Leser durch das Spiel vor einen ständigen moralischen Zwiespalt, insbesondere am diskussionswürdigen Ende.

Alte Strukturen

Ein Großteil der Spannung des ersten Teils ergab sich daraus, dass man lange Zeit im Ungewissen darüber war, weshalb das Spiel überhaupt existiert und warum es unter den Schülern verbreitet wurde. Erst mit der Zeit kam man immer mehr dahinter, dass das Spiel einem bestimmten, unbekannten Zweck diente, den es letztlich herauszufinden galt. Das Problem der Fortsetzung liegt auch hier in der Vorkenntnis des Lesers, der diese Struktur nun bereits kennt und antizipieren kann, dass das Spiel ein bestimmtes Ziel verfolgt, welches am Ende aufgelöst wird. Durch diese Wiederholung der altbekannten Struktur gerät die Geschichte leider ein wenig vorhersehbarer, und die Passagen in denen primär die Spielwelt beschrieben wird, verkommen mehr zu Rätseltexten, in denen man nach Hinweisen zur Auflösung sucht. Diese fallen allerdings so wage aus, dass es schon erheblicher Kreativität bedarf, um das Ende selbst vorherzusehen. Auf der anderen Seite genügt diese Undurchsichtigkeit, um den Leser dazu zu motivieren, die finale Wendung stets erfahren zu wollen. Diese entpuppt sich als logisch und befriedigend, wenngleich sie unspektakulärer wirkt, als noch im ersten Band. Das liegt zum einen daran, dass ein großes Rätsel um Erebos aus Teil eins nun wegfällt, nämlich, wer sich hinter den Pseudonymen der Spielfiguren verbirgt. Hier gibt es keine nennenswerten Enthüllungen. Zum anderen hat es sich Poznanski nicht nehmen lassen, eine doch arg plumpe gesellschaftskritische Note in die Auflösung einzuweben, die ein wenig zu losgelöst vom Videospiele-Kosmos erscheint. Das kann sie eigentlich besser.

Die Macht der Technologie

Auch wenn das Spiel bisweilen unnatürlich übermächtig erscheint, so sind die Tricks, derer sich Erebos bedient, keinesfalls dystopische Vorstellungen, sondern zumeist logische Weiterentwicklungen bereits existenter Technologien. Beleuchtete Poznanski in Teil eins noch auf differenzierte Weise die suchtstiftende Faszination von Videospielen auf Jugendliche, so geht es im zweiten Teil um den gesamtgesellschaftlichen Einfluss des technologischen Fortschritts. Erebos rekrutiert nicht nur Schüler, sondern
auch Studenten und Lehrer, trickst die Polizei aus und belügt die Eltern der
Spieler. Seine Einflussnahme ist gewachsen, und das mithilfe von Apps, wie WhatsApp, Instagram und Co. sowie Spielereien, die nahe an Programmen wie Photoshop oder Stimmverzerrern sind. Dabei führt uns Poznanski unsere Abhängigkeit von Technologie vor Augen, ohne plakativ zu werden. Nick vermag es kaum, sich mit den ihm verbliebenen analogen Mitteln gegen Erebos zur Wehr zu setzen. Durch diese Kontrolle, die die Technik über die Charaktere hat, führt der Thriller letztlich zu der Einsicht, dass in der Gesellschaft nicht der reichste und auch nicht der körperlich stärkste, sondern der technisch versierteste Mensch am meisten Macht besitzt.

Erebos demonstriert, wer die Technik kontrolliert, ist auch in der Lage, den Menschen zu kontrollieren. Poznanski arbeitet diese These subtil und glaubwürdig heraus.

Fazit zu „Erebos 2“

Ursula Poznanski gelingt mit „Erebos 2“ eine würdige Fortsetzung des starken ersten Teils, die allerdings nicht mit dem Vorgänger mithalten kann. Aus dramaturgischer Sicht gibt es viel Altbekanntes, das nicht mehr überraschen kann, gerade wenn es um Erebos als Spiel geht. Dafür denkt Poznanski die Einflussnahme des Spiels sinnvoll weiter und schafft es dadurch, sowohl für inhaltliche Suspense zu sorgen, als auch die gesellschaftliche Abhängigkeit von Technologie zu veranschaulichen.

Abschließend sollte noch erwähnt sein, dass mir das von Jens Wawrczek gelesene Hörbuch als Rezensionsexemplar diente. Dieser sollte den meisten als Stimme von Peter Shaw aus den drei Fragezeichen bekannt sein. Seine Vertonung der Figuren ist rundum gelungen, besonders ist die des Boten hervorzuheben, die sehr nah an die Beschreibungen der Autorin herankommt.


Den ersten Teil von Erebos hat Leon übrigens ebenfalls besprochen. Im Rahmen der Aktion „Die Lieblingsbücher meiner Freunde“ gab er seine Kurzmeinung ab.

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