[Rezension] Ich wollte Liebe und lernte hassen!

Titel: Ich wollte Liebe und lernte hassen!
Autor: Fritz Mertens
Verlag: Diogenes

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© Diogenes Verlag

In dieser Ausgabe erschienen am 25. April 2018.


Leseeindruck:

Was ein Buch! Ein Wechselbad der Gefühle. Fast schon ohne Worte.

Ausnahmsweise schreibe ich diese Rezension direkt im Anschluss an das Beenden des Buches. Normalerweise warte ich immer erst noch ein wenig, um das erfahrene ein wenig sacken zu lassen. Mit Notizen würde ich anschließend meine Leseeindrücke niederschreiben. Doch bei dieser gefühlvollen Geschichte, wollen all die Gedanken direkt aus meinem Kopf raus.

Authentisch, Packend und Erschütternd!

Von der ersten Seite an merkt man dem Buch seine Authentizität an, die es besitzt. Es handelt sich hierbei um keine frei erfundene Geschichte, sondern um eine wahrhaftig erlebte Lebensgeschichte. Das macht das ganze einfach noch unfassbarer. Mir ging die Geschichte um Fritz Mertens, wie er sich selbst später nannte, sehr nahe. Über die Seiten hinweg schildert er dem Leser, durch welche Einflüsse aus einem liebevollen, gutmütigen kleinem Jungen ein zweifacher Mörder werden kann. Es macht mich regelrecht fertig, was Fritz in seiner Kindheit durchleben musste.

Beim Lesen verspürte ich seine Wut, seine Verzweiflung als wäre es die meine. Zwischendurch schrie ich ihm in meinem Kopf entgegen, dass er es nicht einfach so hinnehmen soll, dass er sich wehren soll. Im selben Moment wusste ich, dass niemand in dieser Situation, in so jungen Jahren, verwirrt von der Welt, sich hätte wehren können. Umso deutlicher wurde mir die gesamte Verzweiflung, die Fritz verspürt haben muss. Verstehe, wieso auch er sich später in den Alkohol stürtzte. Um beim Begriff des sich wehrens zu bleiben: Ohne Kontext wirken viele Tätigkeiten grausam. Mit Kontext werden sie zwar nicht weniger grausam, aber man fängt an die Beweggründe nachvollziehen zu können. Sein ganzes Leben lief auf diesen einen Punkt hinaus: sich zu wehren. Dass es mit zwei Morden enden musste, scheint – so grausam es klingt – fast schon unumgänglich.

Der Schreibstil macht deutlich, dass der Verlag wortgehalten hat und lediglich gröbere Korrekturen an dem Bericht vorgenommen haben. Man liest den Schreibstil von Fritz klar heraus. Während bei einer handelsüblichen Geschichte solch ein Schreibstil so manchen Leser vergraulen würde, sorgt er hier für eine weitere Spur Authentizität.

Kritikpunkte

Jedoch habe ich auch ein paar Kritikpunkte an dem Bericht, auch wenn es sich nicht wirklich richtig anfühlt Kritik hier zu äußern. Das Buch entstand ja nicht Jahre später aus einem reflektierten Blickwinkel, sondern kurz nach der Tat auf Wunsch des Gerichtpsychiaters diesen Lebensbericht (wenn auch in deutlich verkürzter Form) zu verfassen. Während dem Lesen, das zügig von statten ging,verspürte ich zwar deutliches Interesse an der Geschichte und ein gespanntes Verlangen weiterzulesen, gleichzeitig fragte ich mich zwischendurch, ob ich gerade wohl nicht schon zum zehnten Mal die gleiche Quintessenz las? Einerseits dürfte das durchaus auch der Fall sein, schließlich befindet sich Fritz in einem Teufelskreis aus stets den selben Faktoren: seinen Eltern. Andererseits kam es mir zwischendurch einfach so vor, als hätte ich auf den vergangenen Seiten nichts „neues“ erfahren. Aber das war auch nur wie ein leises Stimmlein im Hintergrund zu vernehmen.

Was mich außerdem ein wenig störte, was das abrupte Ende. Klar, der Bericht von Fritz endet logischerweise mit der Tat. Jedoch erwähnt er sie innerhalb von zwei Sätzen. Punkt, Aus, Ende. Dafür, dass wir so lange auf diesen einen Punkt hinausgearbeitet haben, die Schmerzen sich von Seite zu Seite aufgebaut haben, dafür war das ganze dann einfach zu schnell vorbei. An dieser Stelle hätte ich mir dann gerne noch ein wenig Input durch den Verlag gewünscht. Ein Art Nachwort oder Epilog, in dem die Tat noch einmal kurz näher umrissen wird sowie einem kleinen Bericht darüber, was anschließend aus Fritz wurde. Beides erfährt man in Bruchteilen sowohl im Klappentext im Umschlag als auch auf der Rückseite. Aber so ein kleiner Umriss innerhalb des Werkes hätte mich dann doch besser mit dem Werk abschließen lassen können.

Fazit der Rezension

Aber auch so werde ich in den kommenden Tagen bestimmt noch häufiger über diesen Lebensbericht nachdenken. Diese schwere Thematik verdient es auf jeden Fall wahrgenommen zu werden, um aufzurütteln, um den Menschen zu zeigen, dass Böse nicht einfach von sich aus Böse sein muss, dass auch Eltern grausam sein können. Wir sollten niemals die Augen verschließen vor solchen Zuständen, wie es teils Fritz Umwelt getan hat.


An dieser Stelle möchte ich mich beim Diogenes Verlag nicht nur für das Rezensionsexemplar bedanken, sondern auch dafür, dass sie diesen Lebensbericht veröffentlicht und somit für jedermann zugänglich gemacht haben.

Weitere Rezensionen zu Büchern aus dem Diogenes Verlag findet ihr in der Übersicht.

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