[Gastbeitrag]

[Gastbeitrag] Die Lieblingsbücher meiner Freunde|Teil 3

Bereits zwei Wochen ist es her, dass der erste Beitrag dieser neuen Reihe online ging. Laut meiner Statistiken scheinen die bisher erschienen Beiträge gut bei euch anzukommen. Aus diesem Grund habe ich nun beschlossen das Pilot-Programm weiter auszubauen und zu einem festen Bestandteil für das erste Quartal des Jahres 2018 werden zu lassen. Das bedeutet, dass es nun hoffentlich regelmäßig – d.h. je nach Verfügbarkeit – jeden Sonntag eine neuen Empfehlungsbeitrag geben wird.

Heute geht es weiter mit Nico, einem Freund aus der Uni. Bei ihm war ich besonders gespannt auf seine drei Favoriten! Die Anordnung dieser ost übrigens rein zufällig. 🙂


Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Milan Kundera

Während der Prager Frühling die Verhältnisse in der Tschechoslowakei zu wenden verspricht (und die Realität bekanntermaßen doch enttäuschte), bewegt sich die Geschichte vor diesem Spannungsfeld aus politisch-ideologischer Repression und der Hoffnung auf eine liberale Zukunft. Im Zentrum steht hierbei jene Liebesgeschichte zwischen Chirurg Tomás und Kellnerin Teresa, die in einer von Gegensätzen armen Welt schon dadurch Kontraste bilden, dass sie zueinander finden. Was zunächst kitschig genug klingt, um schon Paolo Coelho hinter der nächsten Ecke hervorspringen zu lassen, erweist sich dank Kunderas Feinsinn für das richtige Maß als grundlose Befürchtung. Wie viele Autoren scheiterten schon an dem Versuch, die Seelennöte eines notorischen Casanovas ohne peinlich unterschwellige Stilisierung darzustellen? Die Figur des Tomás fällt hingegen nie unangenehm aus ihrem authentischen Rahmen heraus und lässt sowohl den Leser, als auch Teresa an seiner ziellosen sexuellen Promiskuität leiden. So hält Kundera tatsächlich das, was uns der gewaltige Titel verspricht: Teresas Sehnsucht danach, den Handlungen der Menschen und allen voran der Liebe zwischen ihnen eine ultimative Zeitlosigkeit abzugewinnen und Tomás Neigung zu schwebender Vergänglichkeit vermag eine Ahnung von der existenziellen Tragik zu erzeugen, die sich in der Leichtigkeit des Seins verbirgt.
Dieser Roman scheut demnach nicht davor zurück, sich einer existentiellen Frage zu widmen, die ganz weit oben in der Prioritätenliste des Menschen rangiert und ja, er wird seinem gesteckten Ziel auf seine eigene Weise gerecht.

Hundert Jahre Einsamkeit – Gabriel Garcia Márquez

Sieben Generationen lang begleiten wir die Familie Buendia durch jenes magisch-unheimliche Macondo, einer fiktiven Stadt nahe der Karibik und noch näher am Wahnsinn, in der die Sonne die Luft zum Flimmern bringt, wo die Zeit längst stehengeblieben zu sein scheint und deren Gründung einst schon auf einer sündhaften Saat beruhte. Hundert Jahre, in denen sich die zahlreichen Söhne der Buendias mit den immer gleichen Namen in die immer gleichen Kriege stürzen und sich in der Sehnsucht nach Liebe in die Arme ihrer Schwestern legen. Jede Figur dieses Romans hält sich im Zirkel der ewigen Gleichartigkeit auf und doch ist das große Laster der Buendias das Vergessen, das Sich-Verlieren in den eigenen Leidenschaften. Der Nobelpreisträger Márquez hat mit seinem ersten Roman eine Parabel auf die Geschichte und Tragik eines ganzen Kontinents gezeichnet, in der die Bilder so rauschend auf den Leser einprasseln wie der mehrjährige Regen auf die verfluchte Stadt Macondo. Seit den letzten 50 Jahren sucht die urwüchsige Gewalt dieses Romans ihresgleichen und es ist durchaus möglich, dass sie noch weitere 50 Jahre suchen wird.

Der Prozess – Franz Kafka

Am Morgen meines Geburtstages lag ich in meinem Bett und dachte, ohne mir einer klaren Ursache bewusst zu sein, ganz plötzlich, dass mich dieser Kafka mittlerweile unheimlich nervt. Dann fuhr ich hoch und war froh, dass es nur ein Traum war…
Es ist verständlich, diesen hochkomerzialisierten Autor abzulehnen, die Schullektüren in den Schrank zu verbannen und das gleich mitgelieferte Adjektiv, diese unermüdliche Allzweckwaffe der gebildeten Subgruppen, dann doch in der nächsten Hausarbeit zu benutzen. Es klingt aber auch clever. Kafkaesk ist der Besuch beim Friseur, wenn man am Ende als Bob Marley hinausgeht; kafkaesk ist es, wenn der VW-Vorstand dubiose Swingerpartys veranstaltet. Vor allem aber ist kafkaesk, dass es bis heute nur mehr oder weniger gute Nachahmer Kafkas gab, die Eigenheit seines Stils doch unerreicht bleibt. Dabei müsste man sich gar nicht dem ganzen Roman widmen. Beim Prozess beispielsweise genügt schon die Türwächterparabel und man weiß etwa, wo man dran ist: Kafkas Literatur ist unheimlich, chronisch-depressiv, zynisch, psychologisierend, fordernd und in ihrer neurotischen Verneinung von Eindeutigkeit manchmal provokativ. Doch ist sie auch zeitlos, spielerisch und humorvoll. Am Ende verlässt man Josef K. im Steinbruch und fragt sich kurz, ob einem Kafka etwa schon wieder ein und dieselbe Geschichte erzählt hat. Aber egal, er darf das. Vielleicht ist es nicht das, was bei ihm angelegt ist, sondern das, was fehlt, was ihn letztlich so alleinstehend macht. Eine grundlegende Konstante, ohne die gute Literatur eigentlich nicht auskommt: Vielleicht fehlt bei Kafka die Liebe. Jede Zuneigung fußt auf blanker sexuellen Gier oder über-personaler Fremdsteuerung. Wo die Eros-instanz vollkommen fehlt, da entsteht das Gefühl von höllischer Vergeblichkeit.
…Und läge er noch heute in seinem Prager Sanatorium, würde er seinen Fans vor dem Fenster einen Finger zeigen. Ist es der böse Stinkefinger oder der belehrende Zeigefinger? Es ist nicht ganz eindeutig…


Was haltet ihr von der dieswöchigen Wahl? Diesmal gibt es weniger Mainstream & dafür mehr anspruchsvolle Literatur. Wer fühlt sich an seine Schulzeit erinnert? 😉

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